hinter der tÜr: Produktionsnotizen

Produktionsnotizen

DIE GESCHICHTE

(ISTVÁN SZABÓ) In der Geschichte geht es um eine Beziehung, um die vielfältigen Ebenen einer menschlichen Beziehung zwischen einer Schriftstellerin und einer Frau, die ihr den Haushalt besorgt, damit sie Zeit zum Schreiben hat. Das Interessante an der Geschichte ist, dass beide starke Persönlichkeiten sind und gerne das Leben oder zumindest die Denkweise der anderen beeinflussen würden. Einfluss zu nehmen ist eine komplexe Angelegenheit: Wie kann man das Leben eines anderen Menschen verändern? Ich weiß nicht, ob das gelingen kann.

(HELEN MIRREN) Wie eigentlich immer in der großen Literatur hat diese Geschichte ganz verschiedene Schichten. Vordergründig geht es um die Geschichte einer Intellektuellen, einer Frau aus höheren Kreisen, die eine andere Frau als Putzfrau einstellt. Es geht um diese Beziehung, um die schwierige und komplexe Beziehung zwischen zwei Frauen, die verschiedenen Klassen zugehören. Und gleichzeitig geht es um viel mehr als das. Es geht um die ungarische beziehungsweise die europäische Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg. Und es geht in gewisser Weise auch um Spiritualität.

(ISTVÁN SZABÓ) Historisch gesehen war das eine harte Zeit in Ungarn, unter dieser Regierung mit ihrer Ideologie, die das private Leben der Menschen verändern wollte. Der Roman erzählt von der Unmöglichkeit, in die Seele und das Herz der Menschen einzudringen und ihren emotionalen Kern, ihre Denkweise, ihre Traditionen zu verändern. Wobei ich nicht glaube, dass es nur die politischen Ideologen sind, die die Menschen verändern wollen. Das tun auch Ehepartner, vielleicht sogar Kinder, Vorgesetzte oder Angestellte – sie alle wollen manchmal jemanden verändern. Es liegt in unserer Natur.

(ISTVÁN SZABÓ) Weil dieser Film ein Kammerspiel ist, brauchte er etwas anderes als das, was ich in der Vergangenheit gemacht habe – er braucht Intimität. Filme wie Turning Sides, Mephisto, oder Being Julia brauchten eine Bühne, Theater, eine gewissermaßen militärische Größe. Aber dieser Film brauchte etwas, das uns hilft, eine Intimität herzustellen.

ZWEI FRAUEN

(ISTVÁN SZABÓ) Emerenc kommt vom Land. Und obwohl sie weder zur Schule gegangen ist noch eine wirkliche Ausbildung hat, weiß sie unglaublich viel über die Natur, über die Sterne, die Wolken, die Bäume, die Tiere. Sie kann mit den Tieren sprechen. Sie kann mit den Blumen sprechen. Die Blumen und die Tiere folgen ihr sogar. Magda hingegen ist eine Intellektuelle mit einer fantastischen Ausbildung – sie spricht vier Sprachen und ist von Büchern umgeben. Sie weiß viel, aber sie weiß wenig vom wirklichen Leben. Das wirkliche Leben, das sind eben die Wolken, die Sterne, die Bäume, die Blumen und die Tiere.

(HELEN MIRREN) Diese Haushälterin, sie ist eine Arbeiterin, sie hat ihr ganzes Leben gearbeitet. Sie hat ein traumatisches, schweres Leben hinter sich, sie ist durch sehr traumatische und harte Zeiten gegangen, so wie die Bevölkerung in Ungarn in dieser Zeit, nach meinem Empfinden. Ich spüre die große Verantwortung, die ich mit dieser Rolle übernommen habe. Der Film beruht auf einem großen literarischen Werk, das sehr bekannt und erfolgreich ist. Und meine Figur hat einen hohen symnolischen Gehalt, besonders für das ungarische Volk. Emerenc ist eine sehr mächtige Figur, eine Persönlichkeit. Das ist eine große Verantwortung.

(MARTINA GEDECK) Wenn man das Drehbuch liest, sieht man, wie sich Emerenc wie eine Blume öffnet, wie sie ans Tageslicht kommt. Man begibt sich mit dieser Frau auf eine Entdeckungsreise. Magdas Aufgabe ist es, Emerenc die Bühne zu geben, um aus sich selbst herauszukommen und zu glänzen. Magda begleitet sie, sie ist an ihrer Seite, wenn sie ihre Geschichte erzählt.

Emerenc kümmert sich um alle anderen. Sie ist großzügig, aufopfernd, stark und streng. Sie kommt aus seinem anderen Teil der Welt mit einer anderen Moral. Sie ist nicht religiös, so wie wir es verstehen, sondern sie glaubt an die Natur. Sie kann mit den Tieren sprechen und versteht die Zeichen der Natur. Sie gehört zu einer altmodischen Welt, die in Osteuropa heute nicht mehr wirklich existiert. So wie Emerenc für diese Welt steht, steht Magda für eine andere: die Welt des Intellekts, des Geistes, der Kunst, der Bildung. Es ist eine Welt, die Emerenc nicht kennt, die sie nie erlebt hat.

Diese zwei Frauen prallen aufeinander, sie kleben aneinander. Es gibt Missverständnisse, aber auch Verstehen und Liebe. Magda will alles über diese Frau wissen. Und am Ende verliert sie Emerenc, und es ist ihre eigene Schuld.

Für mich ist das ein großer Moment, dieser Moment, wenn nichts so ist, wie es scheint. Deswegen habe ich diese Rolle angenommen. Magda beginnt, diese Frau, die sie eigentlich hasst, zu lieben. Sie braucht Emerenc. Emerenc bedeutet ihr etwas. Das fand ich sehr interessant. Magda sieht etwas in Emerenc, mit dem sie in Verbindung treten will. Doch es gelingt ihr nicht. Hinter der Tür erzählt nicht nur vom Öffnen einer realen Tür, sondern auch vom Öffnen der Tür zu Emerencs Herz und Seele.

SCHAUSPIEL

(ISTVÁN SZABÓ) Ich brauchte zwei Schauspielerinnen, die eine wahrhaftige, eigene Würde und Stärke haben. Es gibt diese beiden Energien. Und wir wollten sehen, wie diese Energien zusammenwirken. Wie sich die negativen Energien in positive verwandeln. Wie diese zwei starken und würdevollen Menschen zusammenleben.

Es war nicht leicht für mich, auf Englisch zu drehen. Englisch ist nicht meine Muttersprache. Deutsch ist etwas einfacher für mich, aber es ist trotzdem nicht einfach, meinen Schauspielern zu vermitteln, was ich von ihnen möchte. Aber Helen Mirren und Martina Gedeck sind sehr offen, sie haben ein enormes Talent, in meinem Gesicht zu lesen oder in meinen Augen zu sehen, was ich sagen will. Wir mussten uns nur ansehen, dann haben wir uns verstanden.

(HELEN MIRREN) Natürlich ist István ein sehr bekannter Regisseur, und ich wusste, dass er sehr erfolgreiche Filme gemacht hatte. Diese Kombination interessierte mich. Dann schickte man mir das Drehbuch und den Roman, und ich fand die Figur großartig! Und das ist doch das, was man als Schauspielerin will: immer wieder neue, großartige Figuren zu spielen.

Ich glaube, manche Zuschauer werden am Anfang vielleicht etwas schockiert sein, wenn sie sehen, was ich anhabe und wie ungeschminkt ich bin. Aber man will ja, dass die Zuschauer vergessen, wer du bist, wenn sie ein Theaterstück oder einen Film sehen. Man will ja nicht für sich selbst werben. Man will, dass das Publikum vergisst, dass du eine Schauspielerin bist, die spielt. Das ist unser Ziel. Und es ist oft sehr schwer zu erreichen.

(ELEMÉR RAGÁLYI, BILDGESTALTUNG) Meine Lieblingsmomente sind die, wenn Helen vor der Kamera steht. Ich liebe ihr Gesicht. Ich liebe ihre Haltung, wenn sie sich der Kamera hingibt. Sie ist total frei vor der Kamera. Ganz gerade, ohne Eitelkeit. Sie braucht niemanden, der um sie herumschwirrt und sie mit technischen Details versorgt, sie ist geradeheraus, großzügig, freundlich und verfügt über eine unglaubliche Begabung.

(SANDOR SÖTH, PRODUZENT) Helen Mirren mochte das Drehbuch sehr und wollte die Rolle spielen, aber sie fand keinen Platz dafür in ihrem Terminkalender. Als ich sie fragte, ob sie es denn zu einem späteren Zeitpunkt einrichten könne, antwortete sie: „Wenn Sie bereit sind zu warten, übernehme ich die Rolle.“ So eine Antwort verunsichert einen natürlich, weil man nicht weiß, was sie bedeutet – war sie einfach nur nett, wollte sie mich vertrösten oder betrachtete sie das Ganze als eine ernsthafte Option? Helen meinte es ernst. Und wir sagten, dass wir bereit wären zu warten, wenn das notwendig sein sollte.

István ist ein Schauspielerregisseur. Schauspieler arbeiten sehr gerne mit ihm, sie wissen, dass er sensibel ist und fühlen sich sicher mit ihm als Regisseur. Daher hatten wir auch für die Rolle der Magda viele Möglichkeiten, und wir fragten uns, wer diese Rolle spielen und vor einem internationalem Publikum bestehen könnte. Wir hatten mit Helen gesprochen, und es war bald klar, dass es Martina Gedeck sein sollte, die die Rolle der Magda spielen würde. Wir hatten unser Dream Team gefunden.

BILDER

(ELEMÉR RAGÁLYI, BILDGESTALTUNG) Vor zehn Jahren habe ich angefangen, auch selbst Regie zu führen. Der Erste, dem ich mein Drehbuch zeigte, war István. Er half mir mit dem Drehbuch, und bevor ich mich danach von ihm verabschiedete, sagte ich halb im Spaß zu ihm: „Weißt du, István, das Leben ist so unberechenbar, wir wissen nie, was passiert. Wenn du irgendwann im Leben mal einen Kameramann brauchst, ruf mich an.“ Und jetzt ist es passiert.

Es war eigenartig für mich, mit István zu arbeiten, weil ich von seiner langen Zusammenarbeit mit seinem anderen Kameramann wusste, und es mir riskant erschien, mich einzumischen. Ich bin ein ziemlich neugieriger Mensch, und ich bin kein technischer Kameramann, der einfach nur die Szene ausleuchtet. Ich habe eine Meinung zu dem, was im Film passiert, zu den Schauspielern, zu den Zusammenhängen in der Geschichte, zum Drehort. Ich war mir nicht sicher, wie István darauf reagieren würde. Aber István hat sich alle unsere Ideen angehört. Das Team war viel kreativer, viel mehr eingebunden, als das normalerweise der Fall ist.

Ich liebe die Dunkelheit am Set, wenn ich morgens komme. Weil ich weiß, dass ich es in der Hand habe, das Licht zu bestimmen. Ich kann die Sonne dirigieren. Ich kann bestimmen, aus welcher Richtung sie scheint. Ich kann allmählich die Atmosphäre am Set herstellen. Es gibt glückliche und traurige Momente in diesem Film. Es gibt die vier Jahreszeiten, also dunkle und sonnige Tage. Manchmal entspricht meine Lichtsetzung der Stimmung, manchmal steht sie im Kontrast zu

KINO

(ISTVÁN SZABÓ) Der Hintergrund ist wichtig, nicht nur der soziale oder politische, sondern auch der reale, physische Hintergrund, den die Zuschauer sehen können, der Drehort, die Welt unserer Geschichte. Wir haben sehr sorgfältig nach den richtigen Drehorten gesucht. Ich bin die Straße, in der Magda Szabó einige Monate gewohnt hatte, hinunter gelaufen, um den richtigen Ort zu finden. Ich bin sehr glücklich mit diesem Drehort. Als die Hauptdarstellerinnen dort ankamen und sich umsahen, fragte ich sie, was sie dachten. Sie sagten: ‘Ich fühle mich hier zu Hause. Hier kann ich bleiben. Ich bin gerne in dieser Wohnung.’ Das war sehr wichtig: Sie fühlten sich gut, weil die Wohnung eine Wohnung war. Man kann darin leben.

Aber das Wichtigste, das Einzige, das man nur im Film zeigen kann, ist ein fühlendes menschliches Gesicht. Das Gefühl erreicht den Zuschauer oder es verändert sich vor den Zuschauern. Zwei Gesichter im Streit: Energie gegen Energie. Energie in der Frage, und die Energie, die in der Antwort zurückkommt. Das geht nur im Film, nur auf der Leinwand.

(ISTVÁN SZABÓ) Im Lauf der Jahre hat sich meine filmische Arbeit sehr verändert. Zuerst war es der Neorealismus, dann kam die Nouvelle Vague und die Idee, mit der Kamera zu „schreiben“. Wir waren sehr glücklich, diesen Beruf so zu lernen und zu praktizieren. Dann veränderten sich die Dinge. Das amerikanische Kino erzählt Geschichten von Gewinnern, wir in Europa erzählen von Verlierern. Nach der Katastrophe des 20. Jahrhunderts, einer Zeit mit Kriegen und Revolutionen, erzählen wir jetzt Geschichten von Menschen, die Verluste erlitten haben.

Die Frage ist: Was machen wir jetzt? Wir brauchen eine neue Perspektive, um über ein neues Europa zu sprechen. Es ist wichtig, dass das Publikum dem europäischen Film treu bleibt. Die Zukunft des europäischen Films ist wichtig, und wir müssen dafür kämpfen. Nicht wie Einzelkämpfer im Untergrund, die Angst haben, dass der Andere mehr bekommt. Wir müssen zusammenarbeiten.

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